"Warum in aller Welt haben Sie Ihre Fabrik ausgerechnet in Nordirland gebaut? Sie müssen
verrückt sein!" Mit derartigen Sprüchen wurde John DeLorean nach dem Aus seiner Firma
desöfteren konfrontiert. Und in der Tat kann man die Entscheidung für Nordirland als den
ersten Spatenstich in Richtung Konkurs ansehen. Doch wie hätte John DeLorean das ahnen
können, als er 1978 den Vertrag mit der Britischen Labour-Regierung unterzeichnete?
Starten wir besser im Jahr 1976. Nach der Gründung der DeLorean Motor Company sah sich John Zachary DeLorean erstmals ernsthaft nach einem Standort für seine Fabrik um. Da das Auto in den Vereinigten Staaten verkauft werden sollte, lagen diese nahe. Doch ein Experte für Regierungszuschüsse brachte das DMC-Management auf eine andere Fährte: Dem Gesetz nach hatte die DeLorean Motor Company Anspruch auf 40 Millionen Dollar, sofern sie ihre Fabrik in einem Krisengebiet bauen würden. Darüber hinaus erklärten sich auch die Economic Development Administration (EDA) und die Farmer's Home Administration (FHA) dazu bereit, jeweils 20 Millionen Dollar beizusteuern, falls die Fabrik in einem von ihnen gewünschten Krisengebiet gebaut würde. Über die First Boston Investment Bankiers nahm die DMC Kontakt mit einem Mann namens Mortilla auf, der die Security Corporation Puerto Rico's vertrat. Er meinte, dass Puerto Rico großes Interesse an der DMC hätte. Schließlich stellte sich heraus, dass das Land sowohl von der
EDA als auch von der FHA gewünscht wurde, und da es zu den USA gehörte, hätte die
DeLorean Motor Company mit einem Zuschuss von insgesamt 80 Millionen Dollar rechnen können.
Desweiteren bot Puerto Rico ein wunderbares Klima und motivierte Arbeitskräfte. Letzten Endes
stellte man John DeLorean ein 300.000 m² großes Landstück in der Nordwest-Ecke der Insel bereit,
welches während des Zweiten Weltkrieges als Teil der Ramey Air Force Basis gedient hatte.
Nach dem Krieg war das Land von der Federal Aviation Agency (FAA) schließlich an die
Regierung von Puerto Rico übergeben worden. Das Problem dabei war, dass die FAA damals keinerlei
eindeutigen Rechtsanspruch auf das Land hatte. Daraus resultierend verweigerte es
die puertoricanische Regierungs-Entwicklungsbank die von der DMC geforderten 11 Millionen
Dollar zu verleihen. Der Präsident wurde um Hilfe gebeten, hielt sich aus der Sache jedoch
raus. Je mehr Tage vergingen, desto mehr Probleme kamen auf.
Plötzlich meldete sich Detroits Bürgermeister Coleman Young zu Wort. Er bot der DeLorean Motor Company an, die Detroit Riverfront in Betracht zu ziehen. Doch dieses Angebot konnte von John Zachary DeLorean nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden, da mit Detroit wichtige Zuschüsse ausgeblieben wären. Aber es mangelte auch weiterhin nicht an Angeboten. Schon bald schaltete sich die "Republic Of Ireland Development Agency" (IDA) ins Rennen ein. Nach einigen Gesprächen bot der IDA-Direktor Seamus Cashman als Standort die leerstehende Ferenka Cable Fabrik in Limerick an. Doch notwendige und teure Umbaumaßnahmen, sowie die grausame Vorgeschichte der Fabrik (der ehemalige Fabrikmanager hatte seine Angestellten so unmenschlich behandelt, dass diese ihn entführten) ließen Irland als Standort in keinem guten Licht erscheinen. Allerdings musste sich John DeLorean langsam entscheiden, denn der Schuldenberg wurde größer. Umso passender kam da das Angebot der "Northern Ireland Development Agency" (NIDA). Im Wesentlichen meinte die Agentur, dass sie jedes Angebot der IDA haushoch überbieten würde. Das klang natürlich vielversprechend. Daher kehrte John DeLorean Irland den Rücken zu und vereinbarte ein Treffen mit der NIDA in Belfast.
John DeLorean schloss Nordirland schnell in sein Herz. Er sympathisierte mit den vielen arbeitslosen Menschen und deren Kindern, die inmitten
des grausamen Krieges zwischen Protestanten und Katholiken aufwuchsen. Die Nordiren
hatten zwar noch keine Kenntnisse im Bau von Automobilen, doch sie arbeiteten hart.
Da auch die Britische Regierung die Verhältnisse in Nordirland verbessern wollte, bot
sie der DeLorean Motor Company einen saftigen Kredit an, sollte diese ihre Fabrik dort
bauen. Also machte sich John DeLorean auch hier auf die Suche nach einem geeigneten
Standort. Ganz oben auf seiner Wunschliste befanden sich die leerstehenden Schiffswerften
am Hafen von Belfast. Sie boten nicht nur viel Raum, sondern hätten auch - auf Grund ihrer
Lage - den Transport von Komponenten landeinwärts und den von Autos landauswärts zu einer
relativ einfachen Angelegenheit gemacht. Doch die damals in England regierende
Labour-Partei wollte davon nichts wissen. Sie wollte die Fabrik knapp 10 Kilometer
südlich von Belfast sehen.
Die Briten überließen DeLorean eine Kuhweide im Twinbrook Estate von Dunmurry, die exakt zwischen den Gebieten der Katholiken und Protestanten lag. Sofern die DeLorean Motor Company dieselbe Anzahl an Katholiken und Protestanten einstellte (und das tat sie später), sollten Konflikte so kein Thema sein. Nach der Klärung weiterer Formalitäten erfolgte schließlich eine vertragliche Einigung beider Seiten, welche Nordirland endgültig zum Sitz der Fabrik der DeLorean Motor Company machte. Am 2. Oktober 1978 erfolgte der erste Spatenstich. Zu diesem Zeitpunkt waren gerade mehrere Männer der Irish Republican Army von den Briten in den gefürchteten Zellenblock H des Maze-Gefängnisses nahe Lisburn gesperrt worden. Anhänger der IRA
forderten, dass die Insassen wie politische Gefangene behandelt werden sollten. Um
diese Forderung durchzusetzen, protestierten sie in der Folge auf jeder Zeremonie, auf der
britische Regierungsbeamte zusammenkamen. Die Feier zur Grundsteinlegung der DMC-Fabrik war keine Ausnahme: Eine aggressive Gruppe von IRA-Anhängern ließ Protestbanner wehen
und beschimpfte die anwesenden Politiker - unter ihnen Don Concannon, Nordirlands Industrieminister, und David Cook, der Bürgermeister
von Belfast - immerzu als Mörder. Gerüchten zufolge hatte sogar Prinz Charles sein Kommen angekündigt, auf Grund
der feindseligen Situation soll er seinen Besuch jedoch kurzfristig abgesagt haben. Auch John DeLoreans Gattin, Cristina,
war vor Ort. Die IRA-Anhänger sollen ihr den Tag aber angeblich kräftig verdorben haben.
Jedenfalls ließ sie sich nach dieser Grundsteinlegung nie wieder in Belfast blicken.
Die nächste Schwierigkeit lag im Auftreiben eines Bauunternehmens. Viele Firmen sandten schon aus Prinzip keine ihrer Angestellten nach Nordirland. Zudem war das Fabrikgelände ein sehr feuchtes Areal. Bevor der Bau beginnen konnte, mussten erst zwei Wasserläufe umgeleitet werden. Für die Grundpläne engagierte man schließlich zwei örtliche Architekten und letzten Endes übernahm Renault die Grundkonstruktion. Für den Bau der Fabrik heuerte man aber auch zwei örtliche Baufirmen an: Farrans, sowie McLaughlin & Harvey. Die Fabrik wurde in Rekordzeit fertiggestellt und galt damals als die modernste ihrer Art. 2400 Mitarbeiter wurden eingestellt und im März des Jahres 1981 schließlich die ersten Autos produziert. Knapp eineinhalb Jahre später sollte die Fabrik ihre Tore bereits wieder schließen.
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